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Der Tag der Toten, Zuckerschädel und die Frage nach kultureller Aneignung

In den letzten Jahren sind Zuckerschädel (spanisch: calaveras de azúcar, kurz: Calaveras) in Kunst und Mode zu immer beliebteren Motiven geworden. Das hat unweigerlich zur Massenproduktion von Halloween-Kostümen und Schminksets geführt, die jeden Oktober aufs Neue in den Läden landen. Natürlich liegen die Ursprünge der Zuckerschädel nicht bei Halloween: Sie sind eigentlich ein traditioneller Bestandteil der Feierlichkeiten zum „Tag der Toten“ in Mexiko. Dieser Feiertag wird auch in den USA immer beliebter, was der Grund dafür ist, warum der Calavera inzwischen so ein populäres Symbol ist. Bevor du Calaveras als Motiv für deine Werke nutzt, solltest du aber ein paar Dinge wissen.

"dotd" von Karl James Mountford

Ein paar Hintergrundinfos

In der heutigen Zeiten wird Halloween mit „Süßem oder Saurem“, Kostümen und jeder Menge Naschkram in Verbindung gebracht. Und mit Fratzen, Horror und Angst. Es ist ein ziemlich hedonistischer Feiertag, der sich vor allem ums Essen, um Süßigkeiten und Alkohol dreht. Die Kostümierungen schwanken zwischen furchteinflößend, provokant, komisch und seltsam. Kurz gesagt: Es handelt sich um einen Feiertag, an dem alle sich selbst feiern.

Der Tag der Toten dagegen ist ein Feiertag, der verstorbene Familienmitglieder und Freunde ehrt. Er hat seine Wurzeln im katholischen Allerheiligen sowie bei den Azteken und anderen indigenen Glaubensrichtungen und ist ein vor Lebendigkeit sprühender Feiertag, der nur wenig Ähnlichkeit hat mit dem Halloween, das wir heute feiern. Lebensmittel, Kerzen und Calaveras werden als „Ofrendas“, also Opfergaben, an die Gräber der Verstorbenen gebracht. Ringelblumen werden in Hülle und Fülle eingesetzt, da sie dem Glauben nach die Geister der Toten zurück auf die Erde einladen. Im Gegensatz zu den gespenstischen Vorstellungen in Verbindung mit Halloween ist der Tag der Toten eine fröhliche Feier.

Sicher, ein Bestandteil dieses Feiertags ist auch, die ganze Nacht auf einem Friedhof mit den Geistern der Toten zu verbringen, umgeben von Schädel- und Skelett-Dekorationen. Allerdings hat ein Zuckerschädel absolut nichts Beängstigendes oder Groteskes an sich. Auf diesen dekorativen Süßigkeiten findet man als Motive keine Geister, Monster oder Kürbisse. Stattdessen sind Zuckerschädel mit buntem Zuckerguss, Folie, Federn und sogar Strass geschmückt. Die beliebtesten dekorativen Motive sind Kreuze (ein Resultat des katholischen Einflusses auf den Feiertag), Ringelblumen, Mandalas und alle möglichen Muster. Häufig wird der Name der verstorbenen Person, für die der Zuckerschädel gemacht ist, auf dessen Stirn geschrieben. Der Schlüssel zum Dekorieren eines Zuckerschädels ist der Gedanke daran, dass man das Leben eines geliebten Menschen feiert – es ist eine freudige und keine makabre Aktivität.

"Sugar Skull Pink and Yellow ~ Sticker" von hmx23

Kulturelle Aneignung vs. Wertschätzung

Eine der größten Herausforderungen, mit denen Künstler beim Erkunden anderer Kulturen konfrontiert sind, ist die Vermeidung der kulturellen Aneignungsfalle. Man spricht von kultureller Aneignung, wenn die dominante Kultur, oder die Mehrheit, Aspekte von Minderheitenkulturen außerhalb des beabsichtigten Kontextes übernimmt. Das unterscheidet sich von kultureller Assimilation, bei der Minderheitenkulturen Aspekte der Mehrheitskultur übernehmen, um sich anzupassen. Kulturelle Assimilation wird Menschen aufgezwungen – kulturelle Aneignung ist ein Mittel zur Unterdrückung von Minderheiten.

Eine bekannte Form der kulturellen Aneignung, die in den USA aufgetreten ist, ist die Verwendung und Darstellung von Symbolen der indigenen Bevölkerung in einer Weise, die falsch und klischeehaft ist. All die „Pocahontas“- und Indianerkostüme, die man jedes Jahr sieht? Das ist kulturelle Aneignung. Und genauso sieht es bei „mexikanischen“ und Zuckerschädel-Kostümen aus (und bei jedem anderen Kostüm, das kulturelle oder ethnische Bekleidung nachahmt). Das Gesicht an Halloween wie einen Zuckerschädel anmalen? Definitiv kulturelle Aneignung.

Die Frage nach Calaveras in der Kunst ist schwieriger. Grundsätzliche lassen wir im Namen der Kunst viel mehr durchgehen als im alltäglichen Leben. Kunst ist schließlich eine Ausdrucksform, die nicht zensiert werden sollte. Es gibt jedoch mit ziemlicher Sicherheit eine angemessene Art, mit diesem Thema umzugehen. Denk daran: Die zentrale Definition der kulturellen Aneignung ist es, wenn die Mehrheitskultur einen Teil der Minderheitenkultur aus dem Zusammenhang gerissen übernimmt.

"Wedding De Los Muertos" von Michael Pucciarelli

Die Zuckerschädel & du

Du möchtest also Zuckerschädel in deine Designs integrieren, aber du weißt nicht, wie? Überleg dir zuerst, warum deine Arbeit Calaveras beinhalten soll. Warum inspirieren sie dich? Wenn der einzige Grund, der dir sofort einfällt, „weil es cool aussieht“ ist, hör gleich wieder auf. Mach es nicht.

Wenn der Grund eher in Richtung „Ich möchte meine Wertschätzung für die Lebendigkeit der mexikanischen Kultur ausdrücken“ geht: Super! Mach weiter, aber sei wachsam.

Stell dir bei den weiteren Schritten immer wieder Fragen. Verstehst du die Bedeutung der Calaveras als Symbol? Hast du ausreichend dazu recherchiert? Profitipp: Lass niemals den Recherche-Teil aus. Du wirst erstaunt sein, was du alles lernst, auch wenn du glaubst, schon alles über die betreffende Kultur zu wissen.

Beschränke deine Suche nicht auf das, was du bei Wikipedia findest – geh nach draußen und erlebe es. Du möchtest mehr über Calaveras und mexikanische Volkskunst herausfinden? Finde einen Freund, der den Tag der Toten feiert und frag ihn, ob du mitfeiern kannst. Normalerweise sind die Menschen gerne bereit, ihre Kultur und ihr Wissen zu teilen, solange du dich respektvoll und unvoreingenommen näherst. Das bloße Mitmachen mag dir keine Rechte an einer Kultur verleihen, aber du erhältst dadurch neue Einblicke und viel mehr Verständnis.

Denk daran, dass der Kontext entscheidend ist. Wenn du immer noch nicht sicher bist, ob es sich um kulturelle Aneignung handelt, dann sei lieber auf der sicheren Seite und verwende das Motiv nicht.

Und am allerwichtigsten, denk daran: Der Tag der Toten ist kein mexikanisches Halloween!

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